9. Eine-Welt-Filmpreis NRW: Begründung der Jury

9. Eine-Welt-Filmpreis NRW

1. Preis:
Das Grüne Gold (Dead Donkeys Fear No Hyenas)
Joakim Demmer. Schweden, Finnland, Deutschland 2017, 90 Min.

Begründung der Jury:
Sieben Jahre lang recherchierte und drehte Joakim Demmer in drei Kontinenten zur Frage der Kommerzialisierung von Ackerland und der damit verbundenen Enteignung und Vertreibung der einheimischen Landbevölkerung. Weltweit gibt es einen massiven kommerziellen Ansturm auf Ackerland – das neue grüne Gold. Die Auswirkungen spüren Hunderttausende von Menschen in den Entwicklungsländern. Am Beispiel Äthiopiens zeigt Joakim Demmer die Absurdität dieser Prozesse und ihrer Folgen auf. In dem von Hungersnot betroffenen Land verpachtet die äthiopische Regierung Millionen Hektar scheinbar ungenutzter Ackerfläche an ausländische Investoren, angeblich in der Hoffnung, dadurch Exporteinnahmen zu erzielen. Die Folgen sind Zwangsvertreibungen größten Ausmaßes, verbunden mit einer Spirale der Gewalt und massiver Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Hinzu kommt, dass diese Katastrophe durch Milliarden von Entwicklungshilfegeldern von Institutionen wie der Weltbank finanziert und mit verursacht wird.

Wie in einem Thriller gelingt es dem Dokumentarfilmer Demmer, die Zuschauer immer weiter in diese komplexe Thematik hineinzuziehen, die er am Beispiel des Gambella Nationalparks im Westen Äthiopiens anschaulich vermittelt. Gleichzeitig zeigt er dabei auf, wie die Entwicklung aus diesem entlegenen Winkel des Landes bis in die Finanzmetropolen der Welt reicht. Die Gewinne, die ausländische Investoren erzielen, kommen bei den Armen nicht an. Nahrungsmittel, die eigentlich dringend in Äthiopien selbst benötigt würden, gehen in den Export, Lebensmittelknappheit und Hunger im Land steigen. Die Menschen leiden Not, werden von ihrem Land vertrieben und unterdrückt. Die Folge sind Flüchtlingscamps in den Nachbarländern mit Zwangsvertriebenen aus Äthiopien und Ausbrüchen von Gewalt, die zum Teil in bürgerkriegsähnliche Zustände münden.

Jahrelang hat Joakim Demmer in drei Kontinenten investigativ und oft unter Gefahr recherchiert. Er erlebte, wie seine Informanten und Interviewpartner, die sich gegen das „Landgrabbing“ stellten, verfolgt und inhaftiert wurden. Trotz der extrem schwierigen Drehbedingungen schafft es der Regisseur, visuell starke Bilder einzufangen und eine Erzähldramaturgie zu entwickeln, die den Zuschauern grundlegende Einblicke in das Geflecht von Korruption, Vertreibung, Entwicklungshilfe, diktatorischem Handeln und globalisierter Wirtschaft gibt.

Die besondere Leistung seines Films liegt darin, diese komplexen, für Außenstehende kaum zu durchschauenden Zusammenhänge transparent zu machen.

Dabei zeigt der Film auch positive Beispiele verantwortlichen unternehmerischen Handelns in der Landwirtschaft. Er zeigt aber auch: Wer sich gegen das System stellt, lebt gefährlich. „Wir sind bereits tot“, sagt einer der Aktivisten gegen das „Landgrabbing“ im Nationalpark Gabbela. Und zitiert dann ein Sprichwort, das gleichzeitig der Originaltitel des Films ist: „Dead Donkeys Fear No Hyenas“ („Tote Esel fürchten keine Hyänen“).

„Das Grüne Gold“ ist ein mutiger, ein relevanter Film, eine spannende, geradezu packende Dokumentation, die weit über das Beispiel Äthiopien hinaus Zusammenhänge aufdeckt und dem Zuschauer einen Perspektivenwechsel ermöglicht.

 

2. Preis:
Mirr – Das Feld.
Mehdi Sahebi. Schweiz 2016, 91 Min.

Begründung der Jury:

„Mirr“ ist ein Wort aus der Sprache der Bunong, eines kleinen Volks, das im Osten von Kambodscha lebt. Binchey, ein Bauer in der Provinz Mondulkiri, wird von seinem Feld („Mirr“) vertrieben, und mit diesem letzten Feld verliert seine Familie ihre Existenzgrundlage. Ebenso geht es den anderen Bauern des Dorfes: Sie alle sind von den Landenteignungen durch die Plantagenbesitzer betroffen. Statt sich selbst von ihren Feldern ernähren zu können, entstehen große Monokulturen mit Kautschukbäumen.

Regisseur Mehdi Sahebi sollte eigentlich im Auftrag des Ethnologischen Seminars der Universität Luzern einen Dokumentarfilm über das Volk der Bunong drehen. Doch der Filmemacher, Ethnologe und Historiker bringt eine andere Ebene in seinen Film: Er lässt die Menschen des Dorfes die Geschichte ihrer Vertreibung selbst erzählen und spielen. Er bindet die Bevölkerung in das Projekt ein: Gleich am Anfang wird – Film-im-Film – gezeigt, wie der Dorfälteste die Dorfbewohner zusammenruft, damit diese sich bereits gedrehte Szenen ansehen. Erst nach und nach erschließt sich dem Zuschauer, welche Handlungsebene gerade gezeigt wird: Dokumentation und Inszenierung verschmelzen.

Mehdi Sahebi hat über einen Zeitraum von sieben Jahren bei den Bunong recherchiert und gedreht. Aus vielen vor Ort geführten Dialogen schuf er ein Drehbuch, dessen Szenen die Dorfbewohner nachspielen – um hinterher zu bezeugen: Ja, genauso hat es sich abgespielt. Die Skepsis der Dorfbewohner vor dem Filmprojekt weicht der Überzeugung, dass sie sich selbst darstellen können. Die Handlungsebenen verschwimmen wieder, wenn „Mirr“ die Bauern zeigt, wie sie üben, ob sie ein streitendes Ehepaar spielen können. Spielerisch entstehen auf diese Weise Szenen aus ihrem realen Leben, die den weitreichenden Einfluss der Enteignung aufzeigen: Die entwurzelten und zur Untätigkeit verdammten Menschen betäuben sich mit Alkohol, was wiederum weitere Probleme verursacht.

Mehdi Sahebi gibt Binchey und den anderen Dorfbewohnern die nötige Zeit und den ihnen gebührenden Raum, sich und ihre Geschichte zu entfalten. Er zeigt sie in ihrer bedrohten Würde, porträtiert sie in einer erstaunlichen Nähe, die sich auf den Zuschauer überträgt und entfaltet in einem langsam fließenden Rhythmus ein gleichermaßen komplexes wie poetisches Mosaik. Mehdi Sahebi zeichnet auch für den Schnitt und die hervorragende Kamera verantwortlich, die die Protagonisten auf außerordentliche Art und Weise erfahrbar werden lässt.

So entspinnt sich im Film das Thema der Landvertreibung mit allen seinen Facetten und Auswirkungen auf die Bewohner, und mit ihr die unwiederbringliche Vernichtung der Kultur des Volkes der Bunong, die keine schriftliche, sondern „nur“ eine mündliche Tradition haben. „Mirr“ ist der erste Film in der Sprache der Bunong, und damit auch ein Dokument einer sterbenden Kultur. Dem Filmemacher ist dies bewusst, er integriert immer wieder die Mythen und auch die Musik des Volkes organisch in den Film.

Mehdi Sahebi ist ein sensibles und hochgradig authentisches Kunstwerk gelungen, das verschiedene Erzählebenen gekonnt zu einem Ganzen vereint. Obwohl unter Zensurbedingungen gedreht, ist der Film eine reale und damit auch schonungslose Abbildung der Vertreibung, Landvernichtung und Zerstörung einer reichen Kultur. Einen Ausweg scheint es nicht zu geben: Binchey, der mit seinem Motorrad losfährt, um für seine Familie eine neue Heimat zu finden, wo er ein Feld bebauen könnte, muss erfolglos wieder zurückkehren. Das Schlussbild ist ein temporäres, das eines Zwischenstadiums, Ausdruck des ungerechten Systems, das die Bauern zu Verlierern macht: Binchey hat einen neuen Platz für seine Familie in ihrem Feldhaus gefunden; geduldet zwischen den Kautschukbäumen dürfen sie säen und ernten. Jedoch nur, solange die Bäume jung sind und nicht zu viel Schatten werfen …

„Mirr – Das Feld“ ist das Ergebnis einer sieben Jahre langen Autorenarbeit. Ein Film, der die Perspektive „von unten“ einnimmt, die Geschichte aus der Sicht der Dorfbewohner erzählt und somit auch Partei ergreift. Der iranisch-schweizerische Regisseur Mehdi Sahebi macht das komplexe System des „Landgrabbing“ auf filmisch kunstvoll erzählte Weise transparent und die Lebenssituation der Vertriebenen für den Zuschauer emotional nachvollziehbar.

 

3. Preis:
#MyEscape
Elke Sasse. Deutschland 2016, 90 Min.

Die Bilder meint man zu kennen: Luftangriffe, Bomben, Zerstörungen, Flüchtlingstrecks, übervolle Schlauchboote, versperrte Grenzen. All das hat man in den TV-Nachrichten oder auf YouTube schon einmal gesehen. Doch „#MyEscape“ verändert die Perspektive: Erstmals erzählt ein Film die massenhafte Fluchtbewegung nach Europa im Herbst 2015 direkt aus der Sicht einzelner Flüchtender : Anhand kleiner Videosequenzen, von Flüchtlingen selbst auf ihrer Route gedreht, wird der abenteuerliche, ja lebensgefährliche Weg von Syrien, Afghanistan oder Eritrea bis nach Deutschland geschildert.

Da gibt es nicht mehr den Blick von außen auf den LKW, in dem Schlepper die Menschen über Grenzen bringen, sondern das Bild vom Tod im LKW selbst. Dutzende Menschen auf engstem Raum, angstvolle Blicke, kein Halt im schwankenden Laderaum: Der Zuschauer wird in den Film gleichsam hereingeholt, kann erstmals subjektiv miterleben, was es heißt, auf der Flucht zu sein.

„Nutzer-generierte Inhalte“ gibt es in den Medien schon länger. Doch hier ist es den selbst produzierten Filmdokumenten der Flüchtlinge zu verdanken, dass diese Inhalte von ihren Handys in die Redaktionen bei WDR, Deutscher Welle und BerlinProducers kamen und von der Regisseurin Elke Sasse mit neu gedrehten Sequenzen in einer bewegenden erzählerischen Dramaturgie filmisch zusammengefügt wurden.

Besonders zu würdigen sind dabei der Schnitt und die Kunst, aus der schier unübersichtlichen Fülle an Material in wenigen Wochen einen Film entstehen zu lassen, in dem einzelne Flüchtlinge als Protagonisten einer Handlung sichtbar werden. Sasse entwickelt daraus einen roten Faden bis zum Zeitpunkt der Willkommenskultur in Deutschland im Herbst 2015.

Wichtig ist aber auch, dass die Filmemacherin uns in ihrer Montage die Ursachen der Flucht nahebringt, uns an den dramatischen Aufbrüchen aus einer Heimat teilhaben lässt, die im Chaos zu versinken droht: Gleich zu Beginn sehen wir Bilder, wie Kampfflugzeuge Bomben über dem mit dem Handy Filmenden abwerfen.

Der kreative Ansatz von Sasses Film besteht darin, dass sie reale Handyvideos und soziale Medien nutzt, um sie zu einem Erzählstrang zu verknüpfen. Dies schafft einen neuen, ungefilterten Blick auf das Drama der Flucht und ermöglicht es so den Zuschauenden, sich persönlich in die Situation der Flüchtenden hineinzuversetzen.

Die Entscheidung der Regisseurin, die Protagonisten der Handyvideos später, nach ihrer Ankunft in Deutschland, als wahrhaftige Zeugen ihre Fluchterlebnisse rückblickend in Interviews kommentieren zu lassen, ist eine dramaturgisch gut gewählte und gibt dem Film eine notwendige Reflexionsebene. Die Authentizität der Bilder und die Berichte derer, die sie gemacht haben, vermitteln eine Wirklichkeit, die keine Relativierung zulässt. Denn deutlich wird: Niemand hat seine Heimat freiwillig oder grundlos verlassen. Flüchten bedeutet, sein Leben aufs Spiel zu setzen. Die besondere Leistung des Films „#My Escape“ besteht darin, dies direkt, subjektiv und auf so eindringlich emotionale Art zu vermitteln, dass die Zuschauer dadurch in die Lage versetzt werden, eine andere, eigene Perspektive auf die Fluchtthematik einzunehmen als die allein durch die aktuellen Nachrichten transportierte.

 

Empfehlungen für die Bildungsarbeit

Arlette – Mut ist ein Muskel
Florian Hoffmann. Deutschland, Schweiz 2015, 53 Min.

Die 15-jährige Arlette lebt in einem Dorf in der Nähe von Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. Im Bürgerkrieg wurde sie von einer verirrten Kugel getroffen und schwer verletzt. Seitdem leidet sie unter ständigen Schmerzen. Spendengelder aus der Schweiz und Deutschland ermöglichen es ihr, nach Berlin zu reisen, um dort operiert und schließlich geheilt zu werden.

Der Filmemacher Florian Hoffmann hatte Arlette bei den Arbeiten zu einem anderen Film in ihrem Dorf kennengelernt. Er begleitet das Mädchen auf ihrem Weg ins winterlich-kalte und für sie fremde Berlin und schenkt ihr eine Polaroid-Kamera, mit der sie ein fotografisches Tagebuch ihrer Reise nach Deutschland anfertigen soll. Doch die geplante, kurz bemessene Zeit in der Klinik mündet in eine nicht vorgesehene Verlängerung ihres Aufenthalts: Ein Wiederaufflammen des Bürgerkriegs in der Zentralafrikanischen Republik verhindert Arlettes Rückkehr in die Heimat.

Florian Hoffmanns behutsame filmische Beobachtung von Arlettes Krankenhaustagen, ihrer Rehabilitation mit all den Besonderheiten in den deutsch-afrikanischen Begegnungen entwickelt sich allmählich zur teilnahmsvollen Begleitung eines jungen Mädchens, das zwischen zwei Welten lebt und einem dauernden Wechselbad der Gefühle ausgesetzt ist. Immer wieder verbunden über Skype-Gespräche mit der Heimat, ist Arlette gefangen in Sorge um ihre Familie in den Kriegswirrren und weiß nicht, wie es mit ihr selbst weitergehen soll. Gestrandet in Berlin, ist das Mädchen vor die Herausforderungen einer fremden Kultur und die Sprachlosigkeit gestellt. Hinzu kommt die deutsche Bürokratie, denn nach absolvierter Reha ist keine Einrichtung mehr für Arlette zuständig.

Florian Hoffmann unterstützt Arlette in dieser schwierigen Lebenssituation und lässt uns mit seiner Filmarbeit teilhaben an dem inneren Reifeprozess, den sie auf dem Weg von der Kindheit ins jugendliche Erwachsenenalter durchmacht. Dabei ist es sein Verdienst als Regisseur, die Protagonistin Arlette durch seine bewusst gewählte Dramaturgie die Geschichte aus ihrer eigenen Perspektive erzählen zu lassen.

Dem Film gelingt es auf emotional eindrucksvolle Weise, die Bedeutung der Familie, die in Afrika oft einen höheren Wert als in manchen westlichen Kulturen hat, als Anker in der Heimat zu zeigen – und dieser Anker erweist sich für Arlette als besonders stark.

Der Umgang mit Heimweh, Fremdsein, dem Nicht-Verstehen einer fremden Kultur und Sprache, werden uns in Hoffmanns Film am Beispiel des persönlichen Schicksals eines jungen afrikanischen Mädchens einfühlsam nahe gebracht. Dabei lässt er uns durch die Fotos aus Arlettes Polaroid-Kamera auch einen anderen Blick auf „unser“ Deutschland richten und ermöglicht den Zuschauern damit einen Perspektivwechsel in der Wahrnehmung unterschiedlicher Realitäten. Wie sich Fremdsein anfühlt, wird über Bilder und Stimmungen vermittelt.

Wie die Sehnsucht Arlettes nach ihrer Heimat letztlich im Wiedersehen mit der Familie mündet, konnte Hoffmann nicht mehr zeigen – ihm wurde die Einreise verweigert. Dass er am Schluss seines Films Arlette ihre Rückreise allein antreten lässt, zeigt jedoch, welch großen Fortschritt sie gemacht hat: Sie hat gelernt, in der Fremde erwachsen zu werden.

 

Ebola – das Virus überleben.
Carl Gierstorfer. Deutschland 2015, 52 Min.

Liberia, im Herbst 2014, eine schmale Straße im Urwald. Dort steht Stanley Juah, er hat sich mit dem Ebola-Virus infiziert, wartet auf den Transport in die Isolierstation. Die Ärzte und Schwestern kommen vermummt, besprühen die Wege, die Stanley gegangen ist. Sie wissen: Jeder zweite Ebola-Patient stirbt. Die Seuche ist tödlich für jeden, der mit dem Virus in Berührung kommt.

Der Filmemacher Carl Gierstorfer war während des Ausbruchs der Epidemie mehrere Wochen im ländlichen Liberia unterwegs und hat die Geschichten von Helfern, Erkrankten und Überlebenden dokumentiert. Ohne eigenen Kommentar lässt er die Menschen vor Ort berichten, begleitet sie in ihrer Trauer, ihrer Wut, ihrem Schmerz. Die Bilder, die er – nicht ohne Risiko – mit seiner Kamera vor Ort einfängt, transportieren eindrücklich die Atmosphäre der albtraumhaften Kulisse in diesem Krisengebiet.

Im Mittelpunkt von Gierstorfers Dokumentarfilm steht die dramatische Geschichte des Liberianers Stanley Juah, einem Familienvater, der seinen mit dem Ebola-Virus infizierten Sohn ins Dorf brachte und nun für den Tod von 14 Menschen verantwortlich gemacht wird. Stanley selbst hat als einziger in seiner Familie die Infektion überlebt, seine Ehefrau und alle Kinder verloren. Niemand im Dorf will, dass dieser Mann in die Gemeinde zurückkehrt. Die Überlebenden des Dorfes verstoßen ihn in Schande, weisen ihm die Schuld für den Verlust ihrer Angehörigen zu, drohen mit Vergeltung und trachten ihm nach dem Leben. Stanleys einzige Hoffnung liegt am Ende auf einem Pfarrer, der versucht, für ihn Vergebung in seinem Heimatdorf zu erbitten.

Neben dem mit technischen und medizinischen Mitteln präzise geführten Kampf der einheimischen Helfer gegen die Epidemie dokumentiert der Film eindrücklich die tiefgreifenden gesellschaftlichen Folgen des Ebola-Ausbruchs in Liberia und schildert vor allem auch die Verarbeitung des seelischen Leids nach der körperlichen Heilung. In einer beeindruckenden Szene zeigt Gierstorfer, wie Stanley vor den Menschen seines Heimatdorfes niederkniet und um Verzeihung bittet. Anerkennung von Schuld, Vergebung und Sühne werden von dem Regisseur nahezu wie in einem amerikanischen Gerichtsdrama der 1950er Jahre gezeigt – jedoch ohne dies als Rollenspiel zu inszenieren. Es sind Szenen aus der Wirklichkeit, die Gierstorfer mit seiner Kamera abbildet. Alle, die im Dorf versammelt sind, haben Verwandte zu Grabe getragen, wissen nicht, wohin mit ihrer Wut und Trauer, suchen einen Schuldigen und wollen Stanley zur Rechenschaft ziehen. Der Film macht daraus keinen Thriller, keine Anklageschrift. Er ergreift nicht Partei, zeigt nur, was geschieht, wenn die Überlebenden keinen Weg zurück in die Normalität finden, wenn Angst und Misstrauen, Armut und Ausgrenzungen um sich greifen.

Neben dem menschlichen Drama der Opfer dokumentiert Gierstorfer in „Ebola – das Virus überleben“ auch den immensen persönlichen Einsatz der Pfleger, Ärzte und Krankenschwestern, die ihr Leben aufs Spiel setzen, weil sie sonst nicht helfen könnten. Mit großer Nähe zu seinen Protagonisten vermittelt uns der Film, was die Epidemie den einzelnen Menschen, der Gesellschaft und einem ganzen Land abverlangt.

Was in Liberia passiert ist, könnte so auch an anderen Orten dieser Welt geschehen und jeden einzelnen von uns in eine Krise stürzen. Es sind die universellen Geschichten von Schuld und Vergebung, Trauer und Tod, Leben und Überleben, die Gierstorfers zutiefst bewegenden Film zu einem zeitlosen Dokument machen.

 

Seeblind – Der wahre Preis der Frachtschifffahrt
Denis Delestrac. Frankreich 2015, 52 Min.

500 Millionen Container werden jedes Jahr über die Weltmeere transportiert, Frachtschiffe machen die gängigsten Seewege zu Autobahnen auf dem Meer. Nahezu 90 Prozent aller in der westlichen Welt konsumierten Produkte kommen aus Übersee. Ob Jeans, Computer oder Lippenstifte, sie haben oft eine Schifffahrt um den halben Erdball hinter sich. Aus unternehmerischer Sicht ist es heute kostengünstiger, Produkte oder seine Einzelteile in unterschiedlichen Ländern rund um den Globus herstellen und an einem strategisch günstigen Ort zusammenbauen zu lassen, als alles am Heimatstandort zu fertigen.

Möglich gemacht hat dies erst die Einführung des Containers in den 1960er Jahren. Inzwischen gibt es Schiffe, die länger als 400 Meter sind und mehr als zehntausend 40-Fuß-Container laden können.

Denis Delestrac zeigt in seiner Dokumentation, wie abhängig die Weltwirtschaft inzwischen von der Frachtwirtschaft geworden ist. Und er macht durch seine Recherche transparent, dass diese in der Hand nur weniger Großunternehmer liegt.

Die modernen Containerschiffe sind längst zu groß geworden für die „alten“ Seehäfen, wo Frachten von solchen Ausmaßen gar nicht mehr entladen werden können. In neuen, riesigen Containerhäfen werden nun die Unmengen der Metallboxen ohne Kontrolle ihres Inhalts von den Schiffen entladen und direkt weiter transportiert. Nur ein Bruchteil der Container wird in Stichproben vom Zoll erfasst. Ob es um Waffen, Drogen- oder Menschenhandel geht, bleibt in vielen Fällen verborgen. Die Fracht ist so gigantisch, dass sie in Wirklichkeit nicht mehr kontrolliert werden kann.

Die Qualität von Denis Deletracs detailgetreu recherchierter und faktenreicher Dokumentation liegt darin, dass der Autor uns nicht nur die Funktionsweise des weltweiten Frachtschiffgeschäfts aufzeigt, sondern auch seine damit einhergehenden Gefahren verdeutlicht. Anhand von aussagekräftigen Beispielen vermittelt er anschaulich, welche schädlichen Auswirkungen dies auf unsere Umwelt und letztlich auf das globale Klima hat.

„Seeblind – Der wahre Preis der Frachtschifffahrt“ – ein in faszinierender Klarheit informativer, aufklärerischer Film, der den Zuschauer in die Lage versetzt, sich selbst ein Urteil über die Frage zu bilden, wer den Preis am Ende bezahlt.
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Mitglieder der Jury:

Ascan Breuer, Filmemacher Wien
Christian Frevel, Adveniat Essen
Matthias Fetzer, Filmhaus Nürnberg
Margrit Schreiber, ZDF/3sat Mainz
Sabine Schröder, Ev. Medienzentrale Kassel